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12.7.2007 by Alex Feuerherdt

Ideen, die es geschafft haben (Teil 1): Pfeife

SchaaalkeGelegentlich findet man sie immer noch, die kleinen Metallschilder mit der halb appellativen, halb drohenden Aufschrift „Sei fair zum 23. Mann! Ohne Schiedsrichter geht es nicht!“. (Spätestens seit dem Aufstieg von Bibiana Steinhaus in die Zweite Liga wäre es nun wohl übrigens an der Zeit, die Parole, sagen wir, geschlechtsneutraler zu gestalten.) Meist sind sie direkt neben den Umkleidekabinen von Dorfsportplätzen befestigt – um dort ihr rostiges Dasein zu fristen, ignoriert von Gastgebern wie Gästen.

Kein Wunder also, dass auch in den meisten Online-Games der Schiri schlichtweg vergessen wird oder nur dann in Erscheinung tritt, wenn er schwer wiegende Entscheidungen trifft. In der Grundversion des FIFA-Football-Spiels aus dem Jahr 2005 etwa taucht der Referee lediglich auf, um gelbe oder rote Karten zu zeigen. Dank eines von einem Freak programmierten Zusatzmoduls jedoch huscht er jetzt immer gut sichtbar über den Platz, gemeinsam mit seinen Assistenten. Dabei ist er mordsmäßig schnell, obwohl er den Platz mit Sidesteps durchmisst – ein echtes anatomisches Wunder. Dafür sind die Linesmen eigentlich nie auf der Höhe, und sie geben seltsame Zeichen. Beim Abseits liegen sie aber immer richtig, wie noch jede Zeitlupe beweist.

Insgesamt gibt es in diesem Game drei verschiedene Unparteiische: Der erste (der nur bei internationalen Spielen zum Einsatz kommt – Ehre, wem Ehre gebührt) ist Pierluigi Collina nachempfunden, der zweite Markus Merk, und der dritte dem Hildesheimer Polizisten Michael Weiner (warum auch immer). Das ist schon viel mehr als nichts, aber irgendwie deckt es das Spektrum der Pfeifen nicht so richtig ab. Im Gameproject ist das anders – dort trifft man sie alle. Wirklich alle. Sie werden den Ablauf der Spiele beeinflussen. Wie auffem Platz. Hier steht schon mal, was sie auszeichnet:

1.) Der Kleinliche: Unterbindet alles, was irgendwie nach Foul riecht (pfeift also immer, wenn Spieler fallen), lässt fast nie Vorteil laufen, hemmt den Spielfluss und zieht sich spätestens nach 20 Minuten den Zorn beider Mannschaften und Fanlager zu. Geht grundsätzlich davon aus, dass die Spieler nicht kicken, sondern knüppeln wollen. Scheißt alle wegen Kleinigkeiten zusammen und ist bei Protesten schnell mit der Karte zur Hand. Ich-schwacher Wochenendkommandierer mit starkem Hang zur Pflichtübererfüllung. Kurz: eine veritable Nervensäge.

2.) Der Großzügige: Sieht stets internationale Härte am Werk, pfeift „englisch“, lässt robustesten Körpereinsatz zu und ruft auch bei rustikalem Einsteigen gerne laut und vernehmlich: „Weiterspielen!“ Aufstützen gibt es bei ihm nicht, und wer fällt, hat Pech gehabt. Vorteil: Wenig Karten, guter Spielfluss. Nachteil: Spiele arten manchmal in grobe Tretereien aus, die er dann nicht mehr in den Griff bekommt.

3.) Der Theatraliker: Hält die Maßgabe, dass der beste Schiri der ist, den man gar nicht sieht, für vollkommen abwegig. Steht ausgesprochen gerne im Mittelpunkt. Untermauert jede Entscheidung mit ausladenden Gesten und einer eindrucksvollen Mimik, auf die selbst Ludovic Magnin neidisch wäre. Neigt zu extrem harten Entscheidungen, die den Grundsatz „in dubio pro reo“ einfach umkehren; liebt Elfmeter in der Nachspielzeit und Notbremsen, die sich nur mit gutem Willen und nach sieben Zeitlupen als eventuell berechtigt qualifizieren lassen. Zieht Interviews mit Rolf Töpperwien schier endlos in die Länge.

4.) Der Souverän: Wartet ab, wie die Spieler zu Werke gehen, reagiert entsprechend, begegnet Protesten – die es nur selten gibt – gelassen und zwinkert gerne in die Kamera. Kennt alle, ist seit Jahren dabei, niemand macht ihm was vor, und Elfmeter in der Schlussminute gibt’s nur dann, wenn der Verteidiger dem Angreifer den Kopf abtritt. Hat immer ein freundliches Wort für die Spieler übrig und wird nur dann sauer, wenn bei der WM nach der Vorrunde Schluss ist. In der Freizeit sozial engagiert.

5.) Der Berechnende: Sieht im Fußball vor allem eine Möglichkeit, nebenbei Geld zu verdienen, und wenn mal wieder die Spesen nicht reichen, sucht er nach anderen Möglichkeiten, der King zu sein. Ist auch unkonventionellen Vorschlägen gegenüber sehr aufgeschlossen und kommuniziert viel mit den Spielern, um den Spielverlauf nach seinen Vorstellungen zu gestalten, wenn es mal nicht läuft wie gewünscht. Immer skandalgefährdet, vom DFB aber mit Nachsicht behandelt, weil in der Regel recht jung. Zu redselig den Kollegen gegenüber.

6.) Das Talent: Absoluter Emporkömmling, der mit 12 Jahren schon in der Oberliga gepfiffen hat und mit 14 in der Zweiten Liga an der Linie stand. Kompensiert mangelnde Lebenserfahrung mit einem Übermaß an Arroganz und Selbstherrlichkeit. Pfeift völlig für den Beobachter, der sein Vater oder Opa sein könnte und es manchmal auch ist. Wird vom DFB immer in Schutz genommen und nach allen Regeln der Kunst gefördert. Typ Streber, den alle Kollegen hassen. Beim Lauftest immer ganz vorne, beim Regeltest stets mit null Fehlern. Hat zwei Perspektiven: jüngster FIFA-Referee ever oder inszenierter Autounfall mit 24 Jahren. Sollte beides nicht klappen, wird er Theatraliker.

One Response to “Ideen, die es geschafft haben (Teil 1): Pfeife”

  1. mußtet Ihr den Merk wirklich namentlich aufführen? Dieser netter Herr hat uns die Meisterschaft mit seiner Fehlentscheidung 2001 (19.05.) geklaut. Naja, gut das er danach KEIN Spiel mehr für uns gepfiffen hat.
    Ansonsten ein schöner blog, weiter so..

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