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20.7.2007 by Alex Feuerherdt

Phrasenmäher

Es ist Mittwochabend, Champions League-Zeit. Im Privatfernsehen kommt aber dummerweise genau der Kick, den man am wenigsten sehen will. Premiere ist zu teuer und die Kneipe zu weit weg. Im Radio wird nur am Ende der Halbzeiten kurz eingeblendet. Was bleibt? Der Liveticker. Und davon gibt’s dann ja doch eine ganze Menge. Um dem Anspruch gerecht zu werden, die neuesten Ereignisse möglichst unmittelbar in die Tasten zu hacken – was, zugegeben, bisweilen nicht so einfach ist –, greifen die Livetickerschreiber gerne zu gut abgehangenen Phrasen. Was nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als dass die jahrelange Floskelmaschine vor allem in Film & Funk nachhaltig und wirkungsvoll ihre Fräsen eingesetzt hat. Denn wenn’s eilig ist, haut man im Zweifelsfall das raus, was einem als Erstes in den Kopf kommt.

Ein Game hat da den klaren Vorteil, dass die Spielkommentare irgendwann mal vorab eingespeist werden (müssen); die Hektik des Spielbetriebs fällt also gewissermaßen weg, weshalb sich die gröbsten No-Go-Sprüche verhindern lassen. Trotzdem muss ein Liveticker eben auch aussehen wie ein Liveticker, und das heißt, dass man die Betriebsamkeit halbwegs annehmbar simulieren muss. Aber der Nervfaktor lässt sich immerhin reduzieren. Nachfolgend in loser Reihenfolge zehn Beispiele für Phrasen, die gar nicht gehen und die es im Game deshalb auch nicht geben wird.

1. Bei den Bayern geht spielerisch nicht viel, deshalb müssen sie jetzt über den Kampf zum Spiel finden.

Heißt: Die Scheißmillionäre stümpern herum, dass es die Sau graust, und sollen deshalb wenigstens ihren Arsch bewegen. Wofür haben wir schließlich Eintritt bezahlt? Auch ein paar rustikale Grätschen kämen nicht übel. Immer nach dem Vorsatz: Wenn wir hier schon nicht gewinnen können, treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt. Hat Rolf Rüßmann mal so gesagt. Und immer beherzigt. Denn du bist Deutschland.

2. Ein Tor würde dem Spiel jetzt gut tun.

Ja, wozu laufen die denn sonst über den Platz? Unvergessen in diesem Zusammenhang die legendäre Notkonferenz von Marcel Reif und Günther Jauch im April 1998, die diesem Spruch eigentlich den endgültigen Garaus hätte machen müssen: Schon vor dem Champions League-Spiel zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund rissen die Zuschauer förmlich die Bude ein. 76 Minuten mussten der Reporter und sein Moderator deshalb überbrücken, und irgendwann in diesem Zeitraum fiel der legendäre Satz von Marcel Reif: „Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan wie heute hier, ein frühes Tor.“ Weltklasse.

3. Die Zuschauer erleben ein wahres Herzschlagfinale.

Wird nachgerade inflationär eingesetzt, sobald mal ein Hauch von Spannung am Start ist. Der Maßstab ist aber das Bundesligafinale 2001 mit dem Null-Vier-Minuten-Meister Schalke. Was dahinter zurückbleibt, braucht auch nicht Herzschlagfinale zu heißen.

4. Jetzt muss langsam was passieren.

Es wird aber nix passieren. Gähn.

5. Die Bremer leisten sich unnötige Ballverluste.

Darf man fragen, wie nötige aussehen sollen? Giovanni Trapattoni hat es mal wunderschön formuliert: „Es gibt nur einen Ball. Wenn der Gegner den Ball hat, stellt sich die Frage: Warum hat er den Ball?“ Damit ist alles gesagt.

6. Den Gladbachern unterlaufen jetzt immer mehr Stockfehler.

Der Suchbegriff „Stockfehler“ erbringt bei Google knapp 1.000 Ergebnisse; bei Wikipedia heißt es allerdings: „Dieser Artikel bedarf einer Überarbeitung.“ Aha. Was steht da? Dieses: „Der Begriff Stockfehler stammt aus dem Hockeysport und bezeichnet einen Regelverstoß, bei dem der Ball mit der krummen (abgerundeten) Seite des Hockeyschlägers gespielt wird. Dieser Fehler wird mit einem Freistoß für die gegnerische Mannschaft geahndet. Mittlerweile wird er jedoch auch beim Fußball und anderen Sportarten für unbedrängte Fehler und Missgeschicke gebraucht, die normalerweise auf dem entsprechenden Niveau nicht mehr passieren sollten.“ Daran ist eigentlich nichts Falsches – man erfährt allerdings auch nicht so genau, was man sich unter dem „entsprechenden Niveau“ konkret vorzustellen hat. Manche können es halt nicht besser. Aber dann kann man das auch so sagen.

7. Jetzt sind echte Kerle gefragt.

Da unten stehen aber nur Memmen und keine Kampfschweine. Dabei ist Fußball doch ein Männersport. Das letzte Refugium. Die Zuflucht. Oder vielleicht doch eher ein atavistischer Testosteronpool?

8. Das Publikum ist nun der zwölfte Mann.

Endlich rührt sich da auch mal eine Hand – man ist ja dankbar für jedes Anzeichen von Leidenschaft. Es soll in Stadien schon vorkommen, dass man beim Fachsimpeln angezischt wird, so, wie man angezischt wird, wenn man im Kino mit der Chipstüte raschelt. Solche Leute springen brav bei jeder anlassunabhängigen La Ola auf, und das gilt dann schon als Riesenparty.

9. Da war die Hand Gottes im Spiel.

Das war sie genau einmal, und das ist 21 Jahre her. Ob das jetzt ein Messi nachmacht, spielt keine Rolle. Es kann nur einen geben.

10. Geld schießt keine Tore.

Doch.

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