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20.8.2007 by Lukas Wieselberg

So daddeln die anderen – GameControl 1: Wii

Spielen mit der Hand und ohne Fuß

Einer der größten Unterschiede zwischen den USA und Europa besteht darin, dass Amerikaner gerne Dinge in die Hand nehmen. Dazu muss man nicht in den Irak schauen, es reicht schon ein Blick auf ihren Sport. In allen Nationalsportarten der USA geht es mit den Händen zur Sache: bei Baseball, Basketball, Eishockey und wie zum Hohn auch im American Football. Da werden Bälle bzw. Pucks geschlagen, geworfen, geschossen und getragen mit Hilfe jener Gliedmaßen, die wir durch den aufrechten Gang geschenkt bekommen haben. Findige Kulturwissenschaftler haben die USA deswegen auch schon als die “taktile Gesellschaft” bezeichnet. Bevölkert wird sie von Bürgern und Bürgerinnen, die gerne greifen: nach Chancen und den Sternen, im Sport nicht zuletzt nach Bällen. Fehlgriffe sind da natürlich nicht ausgeschlossen. Im Gegensatz dazu herrscht im Sportverständnis Europas der Fuß-Fetisch vor.

Die meisten Tore der eben begonnenen Fußballligen in der Alten Welt werden einer schönen Tradition gemäß mit den Füßen erzielt werden. Ein vergleichsweise schwieriges Unterfangen. Einen Ball mit einem Schläger zu treffen, mit dem Ball in der Hand über eine Linie zu laufen oder ihn in einen Korb zu werfen, ist viel einfacher. Und passiert deswegen auch viel öfter. Ein torloses Unentschieden im Fußball kann spannend sein, ein 0:0 in einem Basketballspiel wäre eine Katastrophe für alle Beteiligten. Ein Grund für das immer noch heftige Unverständnis in den USA für Fußball, diesem Sport für Soccer-Mums und ihren Mädchen, ist, dass dabei sehr oft “nichts passiert”, keine oder wenige Tore fallen.

Als vor etwa 140 Jahren die ersten Fußball-Regeln in England niedergeschrieben wurden, führte die Unterscheidung von Hand- und Fuß-Gebrauch zur Trennung von Fußball und Rugby, aus dem sich das American Football entwickelt hat. Mit ein Grund für das Hands-Verbot der Fußballer war der Schutz des “Zivilisationsmediums” Hand. Weil man diese für kulturell so entscheidende Tätigkeiten verwenden kann wie Feuer machen, Teppich klopfen oder Bankschecks unterschreiben, sollte sie unter eine Art kulturellen Denkmalschutz gestellt werden. In der Tat ist die Verletzungsgefahr für die Arme im Fußball weitaus geringer als im Tennis oder Basketball. Wenn doch einmal etwas schief geht, werden die Arme einfach in eine Schlinge gelegt – so wie es Franz Beckenbauer bei der WM 1970 machen musste.

Seit vergangenem Jahr sind unseren vorderen Extremitäten aber von einer neuen Gefahr bedroht. Da hat Nintendo seine Spielekonsole Wii herausgebracht, und seither wird weltweit in Millionen Haushalten herumgefuchtelt, dass es eine wahre Freude ist. Die Wii flitzt über die Ladentische, obwohl ihre Grafik nicht berauschend ist, obwohl man mit ihr keine DVDs oder Bluerays schauen kann und obwohl sie keine Superprozessoren in sich trägt wie bei der Konkurrenz von Sony und Microsoft. Dafür ist ihr Prinzip sehr einfach: Man nimmt eine Fernbedienung in die Hand, stellt sich vor den Fernseher und macht sich zum Deppen. Sensoren übertragen die Bewegungen, die man mit dem Controller tätigt, in das Spielgeschehen auf dem Schirm. Schon beim Einsteigerspiel wird die Richtung vorgegeben: Bowling, Tennis, Golf, Baseball und Boxen sind allesamt Sportarten, bei denen es in erster Linie auf die Hände ankommt. Das Schwingen des Schlägers, das Rollen der Kugel und das Schlagen des Balles kann mehr oder minder exakt simuliert werden. Wer will, kann das auch mit einem Golf- oder Tennisschläger aus Plastik machen, in die die eigentliche Fernbedienung integriert werden. Wenn man sich dabei nichts auskegelt, liegt der Spielspaß buchstäblich auf der Hand. Auf einschlägigen Webseiten (“wiidamage.com”) kann man bereits Wii-Unfälle aller Arten bewundern, besonders gefährdet sind natürlich die Fernsehgeräte, aber auch allfällig herumstehendes oder –hängendes Accessoire des Wohnzimmers und nicht zuletzt die Spieler selbst.

Diese Unfälle beweisen, dass Nintendo mit der neuen Hands-on-Bedienung eine Innovation gelungen ist. Und das in einer Branche, die sich zwar kreativ nennt, aber eigentlich unter Phantasielosigkeit sozialdemokratischen Ausmaßes leidet. Seit Jahrzehnten gibt man sich mit den immer gleichen Spielideen zufrieden, dafür ist die Grafik mittlerweile realer als die Wirklichkeit. Auch bei der Steuerung hat man sich lange nichts überlegt. Die Simulation menschlicher Bewegung und Koordination bestand in einer maximalen Reduktion: Welt ist, was die Finger einer Hand auf den entsprechend konstruierten Controllern, Joysticks oder Joypads zu drücken, schieben und hämmern imstande sind. Von den Urspielen Pong und Co bis heute hat sich daran wenig geändert. Die vielfältigen, oft grobschlächtigen Bewegungen der Spielfiguren auf dem PC-Monitor oder TV-Schirm werden übersetzt in winzige Mikrobewegungen der Finger meist nur einer Hand. Diese Übersetzungsleistung, mit der die Welt in die Hand genommen wird, hat zwar nahe liegende Vorbilder wie das Schreiben mit der Hand, der Schreibmaschine oder dem Computer. Ein wenig spielerischer als die A-B-X-Y-Tasten von Microsofts X-Box oder die Kreuz-Dreieck-Viereck-Kreis-Tastatur von Sonys Playstation hätte das Resultat mittlerweile jahrzehntelange Nachdenkens der Ingenieure aber schon ausfallen können. Natürlich können einige Bewegungen leichter simuliert werden als andere: Autofahren z.B. funktioniert in echt und am Computer mit der Hand, entsprechend waren eine der ersten Zusatzgeräte Lenkräder für die alberne Montage auf dem Schreibtisch samt Verbindung zu Gas- und Bremspedalen darunter. Auch Verprügeln und Schießen wird von den meisten Leuten mit der Hand erledigt, weshalb Beat ‘em Ups, Ego- und sonstige Shooter auch so beliebt und realitätsnahe sind. Bei Verrichtungen, die eindeutig nichts mit der Hand zu tun haben, wird es schon schwieriger. Laufen und Springen etwa. Jump and Run ist auch in der Wii-Welt sehr beliebt, die Beine des Spielers bleiben davon aber unbewegt.

Und damit sind wir wieder beim Fußball angelangt, der statutengemäß auf den Einsatz der Hand zu verzichten hat. Hier tut sich die Wii – hergestellt in Japan, wo die Vorliebe für Baseball ebenfalls als Indiz für eine “taktile Gesellschaft” herhalten kann – besonders schwer. Zwar könnte man mit ihrem Controller drei der nicht zu unterschätzenden Hilfsmittel zum Torerfolg sehr gut simulieren: Rippenstoß, Leberhaken und Ellbogencheck. Mit der eigentlichen Fußarbeit aber sieht es schlecht aus. Während es vom handbasierten American Football bereits ein Game für die Konsole gibt, existiert noch kein ernst zu nehmendes Fußballspiel. Mit dem vor kurzem ankündigten “Wii Balance Board” könnte das zwar ein wenig besser werden: Auf dem Brett soll man Yoga, Aerobic und andere Körperübungen machen können, die dann auf den Bildschirm übertragen werden. In Sachen Fußball wird ebenfalls etwas versprochen: Heftiges und zeitgerechtes Nicken soll eine Art Kopfballturnier simulieren. Für den Ball am Fuß wurde bisher allerdings noch nichts angekündigt.

Was daran wirklich schwer sein soll – ein Sensorband oder ähnliches, das man sich um den Fuß bindet -, ist nicht wirklich einzusehen. Vielleicht liegt es ja an den ungleich größeren Möglichkeiten, mit dem Fuß das Wohnzimmermobiliar zu zerstören, und der Angst vor entsprechenden Schadenersatzklagen. An der Vormachtstellung der taktilen Gesellschaft im Spielzimmer wird jedenfalls auch durch die Wii nur gekratzt.

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